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Schreiben im echten Leben | Alltag | Collage

Schreiben im echten Leben: Warum gute Vorsätze am Alltag scheitern

Schreibvorsätze klingen immer hervorragend. Am Sonntagabend sind sie noch voller Klarheit und mit einem erstaunlichen Maß an Selbstvertrauen. Am Dienstagmorgen sind sie jedoch oft wegen Müdigkeit, Alltag und der höflichen Frage, ob das jetzt wirklich ein guter Zeitpunkt für schreiberische Höchstleistungen sein soll, vergessen.

Zwischen der Vorstellung und dem echtem Leben ist es meist ein großer Unterschied. Da kommen plötzlich Termine, Unterbrechungen, ungeklärte Gedanken und das altbekannte Gefühl, dass man zwar endlich anfangen möchte, aber noch kurz etwas anderes erledigen will, zu tragen oder die Erschöpfung schlägt einfach zu. Genau an dieser Stelle scheitern Schreibziele so oft nicht an mangelnder Disziplin, sondern an einer Illusion: der Vorstellung, Schreiben müsse unter perfekten Bedingungen stattfinden.

Warum Schreibziele so oft schon am Start scheitern

Große Ziele können erst einmal motivierend wirken. Sie geben das beruhigende Gefühl, mit einem richtigen Plan unterwegs zu sein. In der Praxis können sie aber auch ziemlich lähmend sein, weil sie mehr Druck als Bewegung erzeugen. Wer sich vornimmt, „jetzt endlich zu schreiben“, „einfach mal konsequent dranzubleiben“ oder sich gar eine sportliche Deadline zu setzen, hat oft schon vor dem ersten Satz zu viel Gewicht auf den Start gelegt.

Denn viele Schreibpläne scheitern nicht am Text selbst, sondern an der Vorstufe: anfangen, umschalten, konzentrieren. Der Weg in den Text ist oft der schwierigste Teil. Nicht, weil der Text so furchtbar wäre, sondern weil die Gedanken noch woanders hängen, der Alltag noch nachruft und die innere Bereitschaft sich lieber hinter anderen Kleinkram versteckt. Schreiben braucht nicht nur Zeit, sondern auch einen mentalen Übergang und genau der wird erstaunlich oft unterschätzt.

Der erste Satz ist deshalb häufig gar nicht das eigentliche Problem. Viel öfter ist es der Anspruch, sofort gut und produktiv zu sein. Als ob Kreativität auf Knopfdruck erscheinen könne, nur weil man sich endlich hingesetzt hat. So reicht schon ein zu hoch angesetztes Ziel, um aus Vorfreude zügig Überforderung zu machen. 

Der Mythos vom idealen Schreibtag

Der ruhige, geordnete und inspirierte Schreibtag ist vor allem eine schöne Vorstellung. In Wirklichkeit gibt es Pflichten, Unterbrechungen, Müdigkeit und einen Kopf, der noch bei fünf anderen Dingen hängt. Wer auf perfekte Bedingungen wartet, schreibt deshalb oft erstaunlich lange gar nicht.

Auch bewährte Methoden passen nicht zu allen. Co-Working, wie es manche aus dem Club der Selfpublisher im Discord-Channel über den Tag verteilt machen, funktioniert für mich zum Beispiel überhaupt nicht. Eine kleine Gruppe von Morgenschreiber:innen (ebenfalls auf Discord) dagegen lief eine Zeit lang erstaunlich gut: Man wusste, die anderen sind ebenfalls da um diese hanebüchene Uhrzeit (4 Uhr morgens), und dadurch fühlte man sich nicht ganz allein so wahnsinnig.

Inzwischen ist die Gruppe so gut wie eingeschlafen. Nicht, weil das Prinzip plötzlich schlecht wäre, sondern weil sich Gewohnheiten, Tagesabläufe und Prioritäten verändern. Was eine Zeit lang funktioniert, muss das nicht für immer . Vielleicht sollte es deshalb weniger darum gehen, die eine perfekte Schreibroutine zu finden, sondern eine, die gerade zum eigenen Leben passt.

Zeit haben heißt nicht automatisch schreiben können

Freie Zeit ist nicht dasselbe wie kreative Verfügbarkeit. Nur weil theoretisch eine Stunde frei ist, heißt das noch lange nicht, dass der Kopf bereit ist, sich auf eine Szene oder ein Problem im Text einzulassen. Das ist etwas, das meine Familie teilweise noch lernen muss. Mein Mann sagt gern: „Du hattest doch Zeit.“ Ja, Zeit vielleicht – aber nicht unbedingt kreative Zeit. Vor allem für Nicht-kreative Menschen ist das offenbar schwer zu verstehen, und ja … Da ecken wir regelmäßig an.

Feste Gewohnheiten

Deshalb nehme ich mir aktuell vor allem am Wochenende morgens einen festen Slot, idealerweise mit dem ersten Kaffee. Unter der Woche läuft der PC dagegen oft den ganzen Tag, was mein Mann ebenfalls gern kommentiert. Aber so kann ich wenigstens schnell an den Text, wenn mir etwas einfällt oder sich ein kreatives (!) Zeitfenster öffnet.

Kleine Helfer

Viele haben aus genau diesem Grund ständig das Handy griffbereit oder tragen ein Notizbuch mit sich herum. Ideen halten sich schließlich nur selten an den Kalender.

Was (mir) im echten Leben tatsächlich hilft

Zumindest mir helfen kleine, klare Ziele deutlich mehr als heroische Pläne. Deadlines setze ich deshalb meist großzügig nach der Scotty-Methode: abschätzen, wie lange etwas vermutlich dauert und ordentlich Puffer dazurechnen.

Auch Regelmäßigkeit bringt mich weiter als gelegentliche Kraftakte. Lieber immer wieder ein paar Absätze als einmal im Monat ein Schreibmarathon, nach dem ich den Text drei Tage lang nicht mehr sehen möchte.

Dazu kommt ein niedrigschwelliger Einstieg bei der Textarbeit. Das nimmt dem Anfang möglichst viel Gewicht. Statt sich sofort eine bestimmte Wortzahl oder eine komplette Szene vorzunehmen, reicht es zunächst, den letzten Absatz zu lesen, einen Satz zu überarbeiten oder fünf Minuten einfach die Korrekturen vom Vortag einzupflegen (wie diese Korrekturen entstehen, habe ich in meinem Artikel zum Thema „Bücher auf den Kindle laden“ erklärt). Oft entsteht daraus von selbst mehr und wenn nicht, ist der Kontakt zum Text trotzdem nicht abgerissen.

Was ist die Scotty-Methode?

Bei der Scotty-Methode wird der erwartete Zeitaufwand bewusst großzügiger angesetzt. Man schätzt zuerst, wie lange eine Aufgabe vermutlich dauert, und plant zusätzlichen Puffer für Unterbrechungen, Korrekturen oder unvorhergesehene Probleme ein. Der Name spielt auf Scotty aus Star Trek an, der Zeitangaben gern vorsichtshalber etwas großzügiger kalkulierte.

Schreiben im echten Leben
Schreiben im echten Leben – Infografik: NoteBook LM

Manchmal liegt es auch an einem selbst

Nicht jeden gescheiterten Schreibplan kann man dem Alltag in die Schuhe schieben. Manchmal sind die Ziele zu groß, zu schwammig oder so formuliert, dass man sie bequem auf morgen verschieben kann. Mehr schreiben klingt gut, sagt aber weder wann noch woran noch wie viel.

Und dann ist da natürlich noch die berühmte Prokrastination. Besonders elegant kann sie sich als Recherche tarnen: Man liest noch einen Artikel, prüft ein historisches Detail oder sucht das perfekte Bild für einen Schauplatz – das ist alles wichtig, ja, aber der eigentliche Text bleibt so ungeschrieben. 

Hilfreicher ist es, ehrlich hinzusehen: Fehlt gerade wirklich die Zeit? Oder verstecke ich mich hinter Recherche, Planung und Kleinkram? Beides kann vorkommen. Entscheidend ist nur, den Unterschied zu erkennen.

Warum das Thema mehr ist als bloße Produktivität

Am Ende geht es nicht nur darum, mehr Seiten zu schaffen oder möglichst effizient zu arbeiten. Es geht darum, eine Schreibweise zu finden, die zum eigenen Leben passt und bei der man nicht ständig das Gefühl hat, zu wenig zu leisten.  Dazu gehört auch, sich nicht dauernd mit anderen zu vergleichen. Wer jeden Morgen zwei Stunden schreibt, lebt vielleicht unter ganz anderen Bedingungen, hat andere Verpflichtungen oder schlicht mehr Energie zur dieser Tageszeit. Was bei anderen mühelos aussieht, muss deshalb noch lange kein sinnvoller Maßstab für den eigenen Schreiballtag sein.

Realistische Ziele, Pausen und wechselnde Routinen sind deshalb auch kein Zeichen mangelnder Disziplin. Sie gehören zu einer Arbeitsweise, die sich nicht gegen den eigenen Alltag richtet, sondern mit ihm geht. Kreative Ausdauer entsteht schließlich nicht dadurch, dass jeder Tag perfekt läuft, sondern dadurch, dass man auch nach Unterbrechungen, müden Phasen und Umwegen wieder zum Text zurückkehrt.

Ausblick

Dieser Beitrag ist der Auftakt zu einer kleinen Reihe über das Schreiben im echten Leben. In diesem Themenhub sammle ich nach und nach weitere Artikel darüber, wie Schreiben zwischen Alltag, Arbeit, Familie, Müdigkeit und wechselnden Routinen tatsächlich funktioniert.

Außerdem folgen Interviews mit Autor:innen, die von ihren eigenen Schreiball­tagen erzählen. Denn so unterschiedlich die Bücher sind, so unterschiedlich sind auch die Wege, auf denen sie entstehen. Gerade deshalb gibt es vermutlich nicht die eine richtige Methode, sondern viele, die zum jeweiligen Leben passen müssen und so nach und nach möchte ich verschiedene Modelle vorstellen.

Wie sieht dein eigener Schreiballtag aus?
Arbeitest du mit festen Routinen, spontanen Zeitfenstern oder eher einem kreativem Durcheinander? Und falls du nicht selbst schreibst: Was würdest du Autor:innen gern über ihren Alltag zwischen Idee und fertigem Buch fragen? Schreib es mir gern in die Kommentare.

Viele Grüße

unterschrift catrina weiss
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Wer schreibt hier?

Ich bin Catrina Seiler, Autorin und Bloggerin. Hier findest du Artikel rund ums Schreiben und Veröffentlichen, und wenn du lieber Geschichten liest als über sie nachzudenken, auch meine Romane.

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Autorin & Bloggerin über Bücher und den ganzen Zirkus drumherum: Lesen, Schreiben, Buchmarketing – und warum nichts davon mal schnell geht.

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