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Zwischen Brotjob, Familie und eigenen Büchern: Dirk Hesse im Interview

Schreiben neben dem Beruf ist oft leichter gesagt als getan. Zwischen Kundenaufträgen, Familie und alltäglichen Verpflichtungen bleibt für die eigenen Geschichten nicht immer viel Zeit. Doch was passiert, wenn schon der Brotjob Kreativität verlangt und nicht nur die Zeit, sondern auch die Energie fürs Schreiben knapp wird?

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Dirk Hesse ist freiberuflicher Designer und Web-Entwickler, Blogger und Selfpublisher. Das Schreiben gehört für ihn fest zum Leben, muss sich seinen Platz aber zwischen Kundenaufträgen, Familie und anderen Verpflichtungen suchen.

Für meine Interviewreihe Schreiben im echten Leben habe ich mit Dirk darüber gesprochen, wie er seinen Schreiballtag organisiert, was sich seit seinen ersten Büchern verändert hat und wie er damit umgeht, wenn Zeit, Energie und die eigenen Ansprüche nicht so recht zusammenpassen.

Kurz vorgestellt: Wer ist Dirk Hesse?

Dirk Hesse gehört zur ersten Generation deutschsprachiger Blogger und ist bis heute unter www.ligneclaire.de aktiv, wo er über alles bloggt, was ihn interessiert, etwa Popmusik, gute Bücher oder Geschichte.

2021 erschien sein erster Roman, die dystopische Near-Future-Geschichte »Die Lehrerin«. Im Sommer 2023 folgte dann »Der Eiskeller«, eine phantastische Erzählung für Jugendliche (und Erwachsene).

Screenshot Dirk Hesse Ligne Claire

Das Interview: Schreiben zwischen Beruf und Alltag

Wie sieht ein typischer Tag bei dir aus und wo findet das Schreiben zwischen freiberuflicher Arbeit, Familie und allem anderen seinen Platz? 

Morgens gehe ich gern erstmal spazieren, das verschafft mir Klarheit für den Tag, ich bekomme dabei auch oft Ideen für alles Mögliche. Die halte ich dann unterwegs fest und bringe sie zuhause in eine lesbare Form (sofern ich noch verstehe, was ich da vorher notiert hatte). Manchmal komme ich in eine Art Flow und schreibe weiter, für Blog oder Buch. 
 
Ich kann mir meinen Arbeitstag meist frei einteilen und den Brotjob hinten anstellen, wenn ich gerade euphorisch bin beim Schreiben. Oft kommt aber natürlich auch der Beruf an erster Stelle. 
 
Weil es keine feste Einteilung gibt, ist für mich das Ritual des Zusammensitzens mit der Familie beim Mittagessen wichtig. Das ist ein Anker und eine analoge Auszeit von allem, was am Schreibtisch zu tun ist.
 

Du arbeitest als Designer und Web-Entwickler und verbringst dadurch beruflich schon viel Zeit am Bildschirm. Wie wirkt sich das darauf aus, wann und wie du schreibst?  

Das Schreiben im Sinne des Entwickelns einer Geschichte findet für mich eher beim schon erwähnten Spazierengehen, beim Kochen oder auch, sagen wir, Wäscheaufhängen statt. Tätigkeiten, bei denen die Gedanken abschweifen können. Am Arbeitsbildschirm auf dem Schreibtisch geschieht eher die Ausarbeitung oder »Reinzeichnung«.
 
Am kleinen Bildschirm eines Tablets mit angeschlossener Tastatur fühle ich mich oft in konzentrierterer Schreibstimmung. Das Gerät ist ablenkungsärmer und die Verbindung zur Erwerbsarbeit fehlt.
 

Welche Rolle spielt das Schreiben für dich neben deiner beruflichen Arbeit? Ist es Abwechslung, Ausgleich, Ablenkung oder etwas ganz anderes? 

Alle drei Dinge. Bei meiner Arbeit haben sich im Laufe der Jahre Leidenschaft und Freude an Gestaltung in Routine verwandelt. Ein ganz normaler Vorgang zwar. Ich habe aber im Leben immer irgendetwas Kreatives gemacht und brauche das anscheinend. Daher bin ich froh, dass ich noch das Bloggen und das Erzählen von Geschichten habe.
 
Ich finde es auch erfüllend, etwas Langwieriges und Schwieriges hinzubekommen. Ein Roman kostet mich viel Mühe, aber umso schöner ist das Gefühl, wenn er fertig ist. So ähnlich wird es sein, wenn man dieses eine Pianostück endlich spielen kann oder nach ewigem Training zum ersten Mal die schweren Gewichte stemmt. »Every man should pull a boat over a mountain once in his life«, hat Werner Herzog mal gesagt.
Ich habe aber im Leben immer irgendetwas Kreatives gemacht und brauche das anscheinend.

— Dirk Hesse

Was machst du heute anders als bei deinen ersten Büchern und was funktioniert noch immer nicht so, wie du es gern hättest? 

Ich gehe etwas planvoller und disziplinierter vor. Schreibe nicht mehr nachts. Ich setze mich auch ein wenig entspannter an einen langen Text, weil ich nun weiß, dass so ein Vorhaben für mich zu bewältigen ist. 
 
Ich würde gern den Wildwuchs an Notizen, Ideen, Links und Entwürfen, der bei einem Schreibprojekt entsteht, besser kontrollieren können, denn den Überblick darüber zu verlieren, erzeugt bei mir Stress.
 
Halb wahnsinnig machen mich meine ständigen Vertipper. Hätte ich mich damals doch bloß zu diesem Maschinenschreibkurs angemeldet.
 

Was bremst dich beim Schreiben am häufigsten aus und wie gehst du damit um, wenn Zeit, Energie oder Kopf gerade nicht mitspielen? 

Zweifel an der Qualität und Originalität, Perfektionismus. Und natürlich: Pakete für Nachbarn annehmen müssen.
 
Ich kann zwar faul sein, aber auch verbissen an etwas arbeiten. Manchmal geht es jedoch trotz Verbissenheit nicht weiter, das ist dann eine kleine Niederlage. In solchen Momenten hilft es, sich und sein Tun nicht zu wichtig und ernst zu nehmen. Also am besten erstmal ein fröhliches Liedchen pfeifen.
 

Als Freiberufler musst du deine Zeit auch wirtschaftlich betrachten. Wie entscheidest du, wie viel Zeit und Aufwand du ins Schreiben investierst?

Ein Buch, das man anfängt, sollte man auch zu Ende schreiben. Wenn man anderes zu tun hat (wie die lästige Notwendigkeit, Geld zu verdienen), dauert das Schreiben eben etwas länger. 
Ich lasse keine Zeiterfassung beim Schreiben mitlaufen, weiß also nur ganz ungefähr über den Aufwand Bescheid. Das ist auch besser so.

— Dirk Hesse

Wie beeinflussen Familie und Berufsleben deine Geschichten und die Art, wie du an ihnen arbeitest?

Mein aktueller Beruf beeinflusst die Geschichten gar nicht. Ich hätte auch kein Interesse, über ihn zu schreiben.
 
Der Musiker Bernd Begemann erzählte mal in einem Podcast, dass Eindrücke und Personen aus seinen früheren Nebenjobs einen Schatz darstellen, den er für seine Lieder verwendet. Das ist bei mir ganz ähnlich. 
 
Die Familie beeinflusst meine Geschichten sehr. Es sind zum Beispiel viele Erfahrungen und Erlebnisse aus dem Großziehen eines Kindes bzw. einer Jugendlichen eingeflossen. Oder andersherum: ich könnte ohne diese Erfahrungen überhaupt nicht über Figuren in einem solchen Alter schreiben. 
 

BONUS: Woran arbeitest du gerade und wie passt dieses Projekt in deinen derzeitigen Alltag?

Ich habe eine Idee für einen weiteren Roman. Da setzen sich gerade die Fragmente zusammen. Das Schreiben wird schon irgendwie in den Alltag passen, hat ja bisher auch geklappt. Es wird ja auch jedes Mal ein bisschen einfacher.

Dirks Schreiballtag: Was für ihn funktioniert

Ideen unterwegs sammeln

Beim Spazierengehen entstehen Gedanken, die später ausgearbeitet werden.

Anderer Bildschirm, anderer Fokus

Das Tablet schafft Abstand zum beruflichen Arbeitsplatz.

Flexibilität mit festen Ankern

Keine starren Schreibzeiten, aber ein gemeinsames Mittagessen.

Perfektionismus relativieren

Wenn er sich beim Schreiben festbeißt, hilft es ihm, die eigenen Ansprüche mit etwas mehr Gelassenheit zu betrachten.

Ausgewählte Bücher von Dirk Hesse

Dirk Hesse - Die Lehrerin
Die Lehrerin

Gewalt in den Städten, verlassene Dörfer und ein Staat, der immer weniger handlungsfähig ist. Es herrscht Angst vor einem Umsturz. Wer kann, lebt längst in bewachten Communities. Andere klammern sich an religiöse Heilsversprechen.

Die junge Becca ist nirgends zugehörig und schlägt sich mit tristen Jobs durch. Als sich ihre Welt mehr und mehr auflöst, sind ihr Hund Bugler und der Schlüssel zu einem Haus im Wald schließlich alles, was ihr bleibt. Sie trifft eine Entscheidung. Doch Gewalt und die Vergangenheit verfolgen sie. Und dann tritt ein kleines Mädchen in ihr Leben.

Eine Geschichte über Abschied, Liebe und Loyalität aus einer Zukunft, die nicht weit entfernt ist.

Der zweite Sommer

Das Land stand in Flammen. Die Kontrolle ist in neuen Händen. Becca besitzt nichts mehr außer der Kleidung am Leib und lässt auch noch die ziehen, die sie liebt. Sie will nicht alleine zurückbleiben. Als sie auf eine alte Freundin trifft, geben sie sich gegenseitig Halt. Auf ihrer Reise ins Ungewisse haben sie eine Verbündete auf vier Rädern: die »Sandkatze«.

»Der zweite Sommer« handelt von Freundschaft, Hoffnung und der Frage, was Heimat bedeutet. Von gewöhnlichen Leuten vor dem Hintergrund eines verwahrlosten Europas der nahen Zukunft, aus dem die Menschlichkeit noch nicht ganz verschwunden ist.

Dirk Hesse - Der zweite Sommer

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Wie schaffen es andere Autorinnen und Autoren, zwischen Beruf, Familie und Alltag an ihren Geschichten zu arbeiten? In meiner Reihe Schreiben im echten Leben sammle ich unterschiedliche Einblicke in den Schreiballtag.

Schreiben neben dem Beruf ist oft leichter gesagt als getan. Zwischen Kundenaufträgen, Familie und alltäglichen Verpflichtungen bleibt für die eigenen Geschichten nicht immer viel Zeit. Doch was passiert, wenn schon der Brotjob Kreativität verlangt und nicht nur die Zeit, sondern auch die Energie fürs Schreiben knapp wird?

Vielen Dank an Dirk für die Einblicke in seinen Schreiballtag!

Wie unterschiedlich unsere Lebensumstände auch sein mögen: Die Zeit zum Schreiben fällt selten einfach vom Himmel. Irgendwo zwischen Beruf, Familie und allem, was sonst noch erledigt werden will, müssen wir unseren Geschichten ihren Platz schaffen. Und manchmal klappt das besser, manchmal eben nicht.

Genau darum geht es bei „Schreiben im echten Leben“: nicht um den perfekten Schreiballtag, sondern darum, wie unterschiedliche Menschen das Schreiben tatsächlich unterbringen.

Wie sieht das bei euch aus? Was kommt euch beim Schreiben am häufigsten dazwischen?

Viele Grüße

unterschrift catrina weiss
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Wer schreibt hier?

Ich bin Catrina Seiler, Autorin und Bloggerin. Hier findest du Artikel rund ums Schreiben und Veröffentlichen, und wenn du lieber Geschichten liest als über sie nachzudenken, auch meine Romane.

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Autorin & Bloggerin über Bücher und den ganzen Zirkus drumherum: Lesen, Schreiben, Buchmarketing – und warum nichts davon mal schnell geht.

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