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Booktok made me buy it - wenn Tsundoku zum Lesestress wird

BookTok made me buy it: Wenn Tsundoku zum Lesestress wird

TL;DR

Tsundoku bezeichnet das Ansammeln gekaufter Bücher, die ungelesen liegen bleiben. Das muss weder schlimm noch peinlich sein: Ein Stapel ungelesener Bücher kann Auswahl, Vorfreude und künftige Möglichkeiten bedeuten. Schwierig wird es erst, wenn aus jedem Buch eine Aufgabe wird. BookTok kann diesen Druck verstärken, weil ständig neue Empfehlungen, Ausgaben und vermeintliche Pflichtlektüren auftauchen. Die Lösung besteht deshalb nicht zwingend darin, den SuB aufzulösen. Wichtiger ist die Frage, ob die Bücher noch zu dem Leben passen, das man tatsächlich führt.

Was bedeutet Tsundoku?

Tsundoku ist ein japanischer Begriff für das Kaufen und Ansammeln von Büchern, die anschließend ungelesen liegen bleiben. Das Wort wird als Sprachspiel aus dem Gedanken des Aufstapelns und Liegenlassens sowie dem Lesen erklärt. Ein japanisches Wörterbuch beschreibt es sinngemäß als das Kaufen von Büchern, die danach lediglich aufgestapelt und nicht gelesen werden.

Häufig wird Tsundoku auf die japanische Meiji-Zeit zurückgeführt. Belegt ist der Ausdruck unter anderem für das Jahr 1879; der genaue Ursprung lässt sich allerdings nicht eindeutig bestimmen, und es finden sich auch ältere Vorläufer aus der Edo-Zeit. Im Deutschen kommt der SuB, der Stapel ungelesener Bücher, dem Begriff recht nahe. Ganz deckungsgleich sind beide nicht:

Der SuB bezeichnet vor allem die ungelesenen Bücher, die bereits vorhanden sind. Tsundoku beschreibt stärker das Phänomen, Bücher zu kaufen und für später liegen zu lassen.

Dieses „später“ ist wichtig: Tsundoku bedeutet nicht zwingend, dass ein Buch niemals gelesen wird. Vielleicht liegt es einige Wochen, mehrere Jahre oder bis zu jenem sagenumwobenen Lebensabschnitt, in dem plötzlich Zeit und Muße gleichzeitig auftreten.

Sind meine Comics und Schreibratgeber Tsundoku?

Die Asterix- und Garfield-Comics zähle ich absolut nicht dazu. Ich habe sie bereits in meiner Kindheit gelesen und sie zu mir geholt, da meine Eltern sie anderenfalls verkauft/entsorgt hätten. Sie sind eher ein Archiv früherer Lektüren und vielleicht Material für spätere Wiederbegegnungen mit Galliern und Lasagne oder eine potenzielle Lektüre für die eigenen Kinder (ich hoffe es).

Bei den Schreibratgebern sieht die Sache anders aus.

Ich habe sie gekauft, weil ich geglaubt habe, für den größtmöglichen Erfolg möglichst viel übers Schreiben wissen zu müssen. Einige habe ich angelesen oder überflogen. Die meisten Bücher blieben jedoch liegen, denn ich kann nicht gleichzeitig schreiben und lesen.

Das Interessante dabei ist jedenfalls nicht, dass ich sie nicht gelesen habe, sondern eben, warum ich sie gekauft habe.

Bücher für ein zukünftiges Ich

Die Überschrift bringt es ziemlich gut auf den Punkt. Ich habe bereits gesagt, dass diese Bücher aus einer Zeit stammten, in der ich glaubte, rund ums Schreiben alles wissen zu müssen. Heute weiß ich immerhin genug, um zu wissen, dass man niemals alles wissen wird (man muss nur wissen, wo man nachschlägt) und vor allem, dass viele Schreibratgeberautoren auch nur mit Wasser kochen. Außerdem schreibt sich ein Roman nicht dadurch, dass daneben ein angelesenes Fachbuch liegt.

Dennoch steht das Buch schlichtweg für eine Möglichkeit

  • Das möchte ich noch lernen.
  • Damit will ich mich beschäftigen.
  • Dafür werde ich bestimmt irgendwann Zeit haben.
  • Diese Person könnte ich sein.

Der Reiseführer gehört also zu dem zukünftigen Ich, das diese Reise unternimmt. Das Kochbuch gehört zu dem Ich, das abwechslungsreich kocht. Der Schreibratgeber gehört zu dem Ich, das wissend an seinem Roman arbeitet und sämtliche Plotholes erkennt, bevor sie entstehen.

Nur: Wann hat man die Zeit? Aber es lässt sich auf jeden Fall sagen, dass dieser Stapel nicht nur verpasste Lektüre dokumentiert, sondern auch eine frühere Version von Interessen und – im Falle von Sach- und Fachbüchern – Ansprüchen zeigt.

BookTok made me buy it

Jeder, der nur ab und an in eine Buchhandlung geht oder auf Social Media unterwegs ist, hat es sicher schon einmal gesehen. Das (neue) Arschgeweih der Buchbranche: der Aufkleber „BookTok made me buy it“ – seines Zeichens Nachfolger des allseits bekannten und in der Autorenszene oft ersehnten Spiegelbestseller-Aufklebers. Der Text suggeriert es ja schon, obwohl Bücher schon vor Social Media (und „BookTok“) gekauft und nicht gelesen wurden. BookTok hat Tsundoku nicht erfunden, aber solche Plattformen können das Ansammeln erheblich beschleunigen. Denn vor BookTok war ja „Bookstagram“. Diesen Social Media-Plattformen ist allen eines gemein:

Man sieht:

  • emotionale Reaktionen,
  • Ranglisten und Jahreshighlights,
  • Neuerscheinungen,
  • Buchpakete und Hauls,
  • Sonderausgaben und Farbschnitte,
  • passende Reihen im Regal,
  • Empfehlungen nach Tropes und Stimmungen,
  • Listen mit Büchern, die man „unbedingt gelesen haben muss“

Ein Titel taucht ein-, zweimal auf, dann ein drittes Mal und schließlich so häufig, dass er einem beinahe wie eine persönliche Bildungslücke vorkommt.

Das ist zunächst etwas Gutes (vor allem für unbekannte Autor:innen). Menschen sprechen über Bücher, entdecken Geschichten und gehen in Buchhandlungen. Autor:innen können dort Leser:innen erreichen, die sie über klassische Literaturkritik vielleicht nie gefunden hätten.

Aber: Zwischen „Dieses Buch klingt interessant“ und „Dieses Buch möchte ich jetzt wirklich lesen“ gibt es einen großen Unterschied.

Info

Nach Angaben von TikTok, basierend auf Auswertungen von NielsenIQ BookData und Media Control, wurden 2025 in Deutschland mehr als 28 Millionen Bücher verkauft, die über BookTok empfohlen wurden. Mehr als ein Drittel der 16- bis 39-Jährigen entdecke dort neue Bücher.

Die Verkaufszahlen basieren auf Daten von Media Control und NielsenIQ BookData; für die Befragung wurden 1.300 Personen in Deutschland online befragt.

Quelle: #BookTok Community treibt weiter Buchverkäufe: Über 50 Millionen verkaufte Bücher in Europa – TikTok erweitert Bestsellerliste

Wenn das Buch zum Schmuckstück wird

Lesen selbst ist für Social Media erstaunlich unprätentiös. Man sitzt da und blättert hin und wieder eine Seite um. Für die lesende Person kann dabei gerade eine ganze Welt zusammenbrechen, von außen sieht es trotzdem nach Herumsitzen aus.

Der Besitz von Büchern lässt sich dagegen hervorragend inszenieren. Neuerscheinungen, Sonderausgaben, Farbschnitte, Buchpakete und perfekt arrangierte Regale erzeugen sofort sichtbaren Content und das wird sozial belohnt: mit Likes, Kommentaren, Reichweite und dem Gefühl, Teil einer Community zu sein.

Dadurch kann sich auch der Grund für einen Buchkauf verschieben. Man kauft ein Buch nicht mehr, weil man seine Geschichte lesen möchte, sondern auch, weil der Besitz selbst etwas vermittelt: Geschmack, Zugehörigkeit, Belesenheit oder schlicht ein schönes Bild für den nächsten Post.

Das bedeutet natürlich nicht, dass jeder BookHaul reine Selbstdarstellung ist. Aber Social Media schafft einen zusätzlichen Anreiz zum Kaufen, der mit dem eigentlichen Lesen nur indirekt zu tun hat. Das Buch befriedigt dann bereits beim Kauf ein Bedürfnis.

Genau hier wird es interessant: Wenn der soziale oder emotionale Nutzen schon durch Kauf und Präsentation entsteht, gibt es anschließend deutlich weniger Druck, das Buch tatsächlich noch zu lesen und ja – vielleicht erklärt das auch, weshalb es deswegen so oft Anzeigen auf einschlägigen Plattformen gibt, in denen nahezu neue Bücher (ungelesen) verkauft werden.

Ist BookTok also schuld?

Nein. Zumindest nicht allein. BookTok legt kein Buch in den Warenkorb und gibt auch nicht die Zahlungsdaten ein. Menschen sammelten Bücher bereits, als ein Algorithmus einfach nur ein Rechenverfahren und kein digitaler Mitbewohner mit überraschend guter Kenntnis ihrer Schwächen war.

Social Media verstärkt jedoch mehrere Mechanismen:

Wiederholung

Je häufiger ein Buch auftaucht, desto vertrauter und wichtiger kann es wirken. Aus einer Empfehlung wird allmählich der Eindruck, alle anderen hätten dieses Buch bereits gelesen und man wäre einfach hinterher (No-go für viele).

Künstliche Dringlichkeit

Limitierte Ausgaben, Vorbestellerextras und angekündigte Neuauflagen erzeugen das Gefühl, man müsse jetzt entscheiden. Lesen kann man später. Kaufen muss man sofort.

Sichtbarer Vergleich

Andere Menschen zeigen Neuanschaffungen, Monatsstapel und volle Regale. So etwas lässt sich gut vergleichen.

Die Hoffnung auf das passende Buch

Das nächste Buch könnte genau jenes sein, das die Leseflaute beendet, das neue Lieblingsgenre eröffnet oder die eigene Unzufriedenheit zumindest für dreihundert Seiten vergessen lässt.

Wann wird Tsundoku zum (Lese-)Stress

Ein ungelesenes Buch ist zunächst eine Möglichkeit. Zehn ungelesene Bücher sind Auswahl. Auch ein deutlich größerer SuB muss kein Problem sein, solange man beim Anblick des Regals Vorfreude empfindet und nicht das Gefühl, eine Aufgabenliste vor sich zu haben. 

Auffällig ist, wie oft sich in der Buchbubble derselbe Kreislauf zeigt: Erst wird gekauft, ausgepackt und präsentiert. Irgendwann lässt der Reiz nach, der Stapel wächst und plötzlich folgt der große Aufschrei: Das ist doch Irrsinn, jetzt kaufe ich nichts mehr und arbeite erst einmal ab.

Das kennt man auch aus anderen Konsumbereichen. In der Beauty-Bubble folgten auf riesige Make-up-Sammlungen regelmäßig Declutters, Aufbrauchprojekte und No-Buy-Phasen. Marie Kondo hat sich gewissermaßen genau auf diesen zweiten Teil gestürzt: das Reduzieren, Aussortieren und Neuordnen von Besitz.

Spannend dabei ist, dass auch der Verzicht wieder sozial belohnt wird. Auf „Book Haul!“ folgt irgendwann „No Buy!“ und beide Male gibt es Zustimmung, Kommentare und ein kollektives „Ich auch“.

Der Stress entsteht also weniger durch die bloße Zahl ungelesener Bücher als durch den Moment, in dem aus Besitz eine Altlast wird, die abgearbeitet werden muss.

Muss der SuB kleiner werden?

Nicht unbedingt. Wenn aus dem Bücherstapel gerade eine Altlast geworden ist, liegt die Reaktion „Jetzt wird erst einmal alles weggelesen“ zwar nahe, nur dummerweise wird damit aus dem SuB schnell das nächste zeitfressende Projekt.

In meinen Augen dürfen ungelesene Bücher auch einfach Auswahl sein. Manche passen heute, andere vielleicht erst in zwei Jahren und manche vielleicht irgendwann gar nicht mehr.

Hilfreicher als die Frage, wie man den SuB leer bekommt, finde ich deshalb eine andere: Welche dieser Bücher möchte ich heute überhaupt noch lesen? Dabei geht es nicht darum, welche Bücher ich früher einmal lesen wollte, welche ein belesener Mensch vermeintlich gelesen haben sollte oder welche Ausgabe schlicht zu schön war, um sie stehenzulassen. Entscheidend ist vielmehr, welche Bücher noch zu meinem heutigen Leben passen und welche ruhig weiterziehen dürfen.

Methoden gegen den Sammelstress

Oft helfen schon ein paar kleine Gewohnheiten, damit aus „Das klingt spannend“ nicht automatisch „Das muss ich haben“ wird.

Wunschliste

Nicht jedes Buch muss sofort einziehen. Wenn es nach ein paar Tagen oder Wochen immer noch interessant ist, war es vermutlich mehr als ein kurzer BookTok-Impuls (auch wenn „Das kommt auf meine Wunschliste“ für Autor:innen traurig zu lesen ist).

Stelle dir die Lesefrage

Vor dem Kauf hilft eine ziemlich einfache Frage: Würde ich dieses Buch in absehbarer Zeit wirklich einem der Bücher vorziehen, die schon bei mir stehen? Banal, ich weiß – aber ich bin mir sicher, dass in den meisten Fällen die Antwort „Nein“ lautet.

Leseproben & Bibliotheken

Eine Leseprobe zeigt oft schnell, ob der Klappentext und das Cover mehr versprochen haben als der Text halten kann. Außerdem muss nicht jedes interessante Buch ins Regal einziehen. Dafür gibt es schließlich Bibliotheken.

Bücher dürfen auch wieder gehen

Verschenken, verkaufen, tauschen, Bücherschrank – das ist alles erlaubt. Nur weil ein Buch einmal Geld gekostet hat, muss man es nicht bis ans Ende aller Tage im Regal haben.

Nicht alles dokumentieren

Ein ziemlich wichtiger Punkt und hier gehe ich vermutlich mit vielen Leuten nicht d’accord. Ja, Listen können helfen, aber sie können aus einem Bücherstapel auch ein gepflegtes Versäumnisregister machen. 

Was mache ich nun mit den Schreibratgebern?

Vermutlich werde ich die Schreibratgeber abgeben. Realistisch gesehen werde ich sie nie mehr lesen und Bücher verkaufen ist bekanntlich ein Geduldsspiel. Vielleicht sollte ich sie vorher noch einmal hübsch auf Social Media präsentieren. Dann hätten sie ihren letzten großen Auftritt wenigstens standesgemäß. Falls jemand auf der Suche nach einem Schreibratgeber ist, gern fragen 😉

Die Asterix- und Garfield-Comics dürfen dagegen bleiben. Die habe ich längst gelesen und manche Bücher stehen schließlich nicht nur wegen ihres Inhalts im Regal, sondern auch wegen der Erinnerungen, die an ihnen hängen.

Tsundoku ist kein moralisches Versagen

Alles in allem kann man sagen: Nicht jedes gekaufte Buch wird irgendwann gelesen und das ist auch kein persönliches Versagen. Entscheidend ist nicht, ob der SuB auf Null schrumpft, sondern ob du zwischen all den Empfehlungen noch weißt, worauf du gerade wirklich Lust hast.

Und wie ist es bei dir? Freust du dich über deinen SuB oder stresst er dich inzwischen eher? Verrate mir gern in den Kommentaren, wie du mit ungelesenen Büchern umgehst.

Viele Grüße

unterschrift catrina weiss
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Wer schreibt hier?

Ich bin Catrina Seiler, Autorin und Bloggerin. Hier im Blog schreibe ich über Bücher, Lesen und digitale Buchthemen und daneben natürlich auch meine eigenen Geschichten.

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Autorin & Bloggerin über Bücher und den ganzen Zirkus drumherum: Lesen, Schreiben, Buchmarketing – und warum nichts davon mal schnell geht.

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