Ein Ausschnitt aus dem Hofer-Prospekt in meiner Schreibgruppe machte mich neugierig: New-Romance-Bücher mit Farbschnitt für 7,99 Euro? Bei Aldi Süd entdeckte ich dieselbe Aktion für gerade einmal 4,99 Euro. Mein erster Gedanke: Verramschung! Doch dann fiel mir das Wort „Sonderausgabe“ auf. Was steckt hinter diesen günstigen Farbschnittbüchern? Einige Gedanken aus Sicht einer Hybridautorin.
Und tatsächlich: Ab dem 15. Oktober 2026 bietet Aldi COVE-Bücher mit Farbschnitt für gerade einmal 4,99 Euro an. Ich liebe Aldi, aber Bücher gehören für mich nicht unbedingt ins Supermarktregal. Bei dem Preis dachte ich jedenfalls zuerst an Verramschung.
Denn es handelt sich nicht um irgendwelche unbekannten Titel. Sogar ich kenne sie von Bookstagram, obwohl ich nun wirklich nicht zur Zielgruppe gehöre. Ich denke auch, dass diese Bücher durchaus zu den Titeln gehören, für die ein Verlag tatsächlich Druckauflagen vorfinanziert (und damit ein größeres Risiko eingeht), statt ausschließlich auf Print-on-Demand zu setzen. Und ja – ich glaube nicht immer daran, dass die sich wirklich vollständig verkaufen ;D
Dann fiel mir in der Aldi-App ein entscheidendes Wort auf: Sonderausgabe. Damit wurde die Sache interessant. Denn was genau bekommt man hier eigentlich für 4,99 Euro?
New Romance bezeichnet moderne Liebesromane, die sich vor allem an ein jüngeres, überwiegend weibliches Publikum richten. Im Mittelpunkt stehen intensive Gefühle, Beziehungen und persönliche Konflikte; häufig werden auch explizite Liebesszenen erzählt. Der Begriff ist vor allem im deutschsprachigen Buchmarketing verbreitet und nicht trennscharf definiert.
Wenn Bücher zu auffällig niedrigen Preisen angeboten werden, liegt der Gedanke an Restbestände nahe. Vielleicht haben sich bestimmte Titel schlechter verkauft als erhofft. Vielleicht müssen Lager geräumt werden. Das alles sind mögliche Vorgänge im Buchmarkt. Nur: Ein niedriger Preis allein beweist keinen davon.
Bei der Aldi-Aktion werden die Bücher ausdrücklich als Sonderausgaben bezeichnet. Das ist zunächst eine Information über die angebotene Ausgabe, keine Erklärung ihrer gesamten Entstehungsgeschichte.
Eine Sonderausgabe kann sich beispielsweise in der Ausstattung, im Format, in der Gestaltung oder im Vertriebsweg von der regulären Ausgabe unterscheiden. Sie kann unter bestimmten Voraussetzungen auch einen eigenen gebundenen Ladenpreis haben. Das bedeutet allerdings nicht, dass Sonderausgaben grundsätzlich von der Buchpreisbindung ausgenommen wären.
Ob diese konkreten Exemplare eigens für den Discounter-Vertrieb produziert wurden, wie hoch ihre Auflagen sind und welche wirtschaftlichen Vereinbarungen dahinterstehen, weiß ich nicht, aber mit der Bezeichnung Sonderausgabe halte ich das durchaus für wahrscheinlich.
Tatsächlich gab es die Bücher heute schon bei Aldi, obwohl die Aktion erst morgen beginnt. Sie waren in einer Kruschkiste so „einsortiert“, dass man von den Büchern praktisch nur den oberen Farbschnitt sehen konnte. Ausgerechnet das Verkaufsargument, mit dem die Bücher beworben werden, war also das Einzige, was man auf den ersten Blick erkennen konnte. Aber was steckt eigentlich in dieser Kruschkiste?
Mit Bite the Bride von Penny Juniper hatte ich mich schon vor der Aldi-Aktion beschäftigt, weil mich interessiert, wie (erfolgreiche) Bücher ihre Geschichten vermarkten. Das Buch ist ein schönes Beispiel für High Concept: Eine Frau braucht wegen eines Fluchs regelmäßig Vampirbisse, darf sich aber nur innerhalb einer Ehe beißen lassen. Über die Logik dahinter kann man diskutieren, aber die Grundidee bleibt hängen. Da ich selbst daran arbeite, meine Bücher besser zu positionieren und mehr Leser zu erreichen, schaue ich mir solche Beispiele gern an. Diesmal interessierte mich allerdings weniger der potenzielle Pitch als das Buch, das für 4,99 Euro in der Kruschkiste lag.
Mein Exemplar von Bite the Bride ist im Impressum ausdrücklich als Sonderausgabe gekennzeichnet und besitzt eine eigene ISBN: 978-3-551-32339-2. Die reguläre Ausgabe kostet dagegen 17 Euro und trägt die ISBN 978-3-551-58634-6.
Auch bei der Ausstattung gibt es Unterschiede. Die reguläre Erstauflage wurde mit dreiseitigem Motiv-Farbschnitt, Klappen und einem ablösbaren Duftsticker beworben (riecht laut Hugendubel übrigens nach Jasmin – nach Blut wäre bei einem Vampirroman aber stilechter gewesen :-/). Bei der inzwischen gelisteten fünften Auflage wird der Farbschnitt nicht mehr ausdrücklich erwähnt, die Klappen sind laut Hugendubel aber weiterhin vorhanden. Meine Aldi-Sonderausgabe hat dagegen einen einfarbig dunkelblauen Farbschnitt, jedoch weder Klappen noch Duftsticker. Letzteren vermisse ich überhaupt nicht.
| Merkmal | Reguläre Erstauflage | Reguläre 5. Auflage | ALDI-Sonderausgabe |
|---|---|---|---|
| Preis | 17 Euro | 17 Euro | 4,99 Euro |
| ISBN | 978-3-551-58634-6 | 978-3-551-58634-6 | 978-3-551-32339-2 |
| Farbschnitt | Dreiseitiger Motiv-Farbschnitt | Nicht mehr ausdrücklich beworben | Einfarbig dunkelblau |
| Klappen | Ja | Laut Hugendubel ja | Nein |
| Duftsticker | Für die erste Auflage beworben | Nicht gesichert | Nein |
| Seitenzahl | 592 laut Buchhandel | 592 laut Buchhandel | 590 im vorliegenden Exemplar |
Bemerkenswert finde ich, dass die reguläre fünfte Auflage offenbar weiterhin Klappen besitzt, während die ALDI-Ausgabe stattdessen einen schlichten Farbschnitt bietet. „Exklusiver Farbschnitt“ heißt eben nicht automatisch „aufwendiger Farbschnitt“. Auch ein einfarbig dunkelblauer Schnitt kann exklusiv für eine bestimmte Ausgabe sein 😉
Die Unterschiede erklären nicht automatisch den Preisabstand von 12,01 Euro; dafür fehlen Einblicke in Produktion und Vertrieb. Sie zeigen aber, warum mein anfänglicher Verdacht der Verramschung zu kurz griff: Das ist nicht die reguläre Ausgabe zum Schleuderpreis, sondern eine eigenständig gekennzeichnete und anders ausgestattete Sonderausgabe.
Wer im Selfpublishing schon einmal eine Farbschnittausgabe kalkuliert hat, kennt das Prinzip der Auflagendegression: Je größer die Druckauflage, desto niedriger sind häufig die Stückkosten. Allerdings müssen die Bücher vorfinanziert und bestenfalls verkauft werden. Sonst stehen am Ende 800 günstiger produzierte Exemplare im Keller.
Interessant wird das bei den Vertriebswegen von Aldi Süd und Hofer. Aldi Süd betreibt rund 2.000 Filialen, Hofer etwa 540. Würden pro Filiale nur zehn Exemplare eines Titels angeboten, wären das rechnerisch bereits 20.000 Bücher bei Aldi und 5.400 bei Hofer. Bei 20 Exemplaren wären es entsprechend 40.000 beziehungsweise 10.800. Das sind rein hypothetische Mengen, keine bekannten Auflagen oder Verkaufszahlen. Bei meiner Stichprobe gab es höchstens vier Exemplare pro Titel.
Solche Größenordnungen könnten günstigere Produktionskosten ermöglichen. Dazu kommt die einfachere Ausstattung: Die Aldi-Sonderausgabe von Bite the Bride besitzt einen einfarbigen Farbschnitt statt des aufwendigen Motiv-Farbschnitts der Erstauflage und verzichtet auf Klappen und Duftsticker. Wie viel das tatsächlich spart und welche Konditionen mit dem Handel vereinbart wurden, weiß ich nicht. Der Preis von 4,99 Euro lässt sich jedenfalls nicht allein mit dem einfacheren Farbschnitt erklären.
Wer regelmäßig Romance-Romane für 16 bis 20 Euro kauft, dürfte 17 Euro für ein umfangreiches Taschenbuch nicht ungewöhnlich finden. Wenn nun aber ein Roman mit Farbschnitt für 4,99 Euro im Supermarkt liegt, könnte sich bei manchen Käufer:innen die Vorstellung davon verändern, was ein solches Buch kosten sollte.
Dabei sind die Produkte nicht unmittelbar vergleichbar. Eine aufwendig ausgestattete Erstauflage, eine reguläre Klappenbroschur und eine vereinfachte Sonderausgabe können sich in Herstellung und Kalkulation erheblich unterscheiden. Für die potenzielle Kundschaft gibt es also drei mögliche Bücher, allerdings kostet eines davon deutlich weniger.
Das wirft die Frage auf, ob günstige Sonderausgaben langfristig die Preiswahrnehmung und Zahlungsbereitschaft beeinflussen. Wer sich an Bücher mit Farbschnitt für wenige Euro gewöhnt, könnte bei regulären Buchpreisen eher zögern. Andererseits kaufen viele Menschen bewusst unterschiedliche Ausgaben zu unterschiedlichen Preisen und sind durchaus bereit, für eine besonders schöne Ausstattung mehr zu bezahlen.
Bei all den Überlegungen zu Druckkosten, Auflagenhöhen und Handelsmargen interessiert mich noch eine Frage: Was bleibt eigentlich für die Autor:innen übrig, deren Bücher für 4,99 Euro verkauft werden?
Für eine Beispielrechnung nehme ich an, dass man fünf Prozent des Nettoladenpreises erhält. Von den 4,99 Euro bleiben nach Abzug der Umsatzsteuer rund 4,66 Euro. Das wären etwa 23 Cent Honorar pro verkauftem Exemplar. Bei hypothetisch 20.000 verkauften Büchern sind das schon rund 4.660 Euro. In der Summe klingt das deutlich interessanter als der Betrag pro Buch.
Die Verträge der betreffenden COVE-Autor:innen kenne ich natürlich nicht. Sonderausgaben können gesondert vergütet werden, beispielsweise über eine Pauschale oder eine Beteiligung am Verlagserlös. Auch ein bereits gezahlter Vorschuss spielt womöglich eine Rolle. Deshalb lässt sich aus dem Verkaufspreis nicht ableiten, wie viel die Autor:innen tatsächlich bekommen. Aber ich würde schon gern wissen, ob sie an diesem Vertriebsmodell etwas verdienen.
Ein weiterer interessanter Punkt ist der gewählte Vertriebsweg.
Bücher werden längst nicht ausschließlich im klassischen Buchhandel verkauft, Stichwort Amazon. Aber auch in Supermärkten gibt es immer eine Reihe mit Büchern und bei den Discountern findet man immer öfter „Mängelexemplar-Kisten“. Solche Verkaufsstellen können Menschen erreichen, die nicht gezielt in eine Buchhandlung gehen.
Ein bekanntes Beispiel ist Der neunte Arm des Oktopus von Dirk Rossmann. Der Roman wurde auch über Rossmann-Drogeriemärkte vertrieben. Eine wissenschaftliche Untersuchung aus dem Jahr 2021 beschreibt die Bedeutung dieses Vertriebskanals und berichtet, dass mehr als 30 Prozent der Verkäufe über die Drogeriemärkte liefen. Der Roman wurde zum Bestseller. Sein Beispiel zeigt, dass ein zusätzlicher Verkaufskanal wirtschaftlich erheblich sein kann. Von daher verstehe ich den Vorstoß von COVE, mit diesen Büchern die Zugkraft von Kruschkisten bei Aldi auszuprobieren, denn wer ohnehin Waschmittel, Nudeln oder 4 Kilo Karotten für die Meerschweinchen kaufen möchte, nimmt bei 4,99 Euro vielleicht auch das Buch mit dem schönen Cover mit.
Für einen Verlag kann das eine interessante Möglichkeit sein, neue Zielgruppen zu erreichen und den Verlagsnamen bekannter zu machen. Für Leser:innen ist es eine niedrigschwellige Gelegenheit, ein Buch mitzunehmen.
Natürlich stellt sich die Frage, ob ein solcher Verkauf reguläre Buchkäufe ersetzt. In der Betriebswirtschaft spricht man dabei von Kannibalisierung: Ein günstigeres Produkt aus dem eigenen Angebot nimmt einem teureren Produkt Verkäufe weg.
Angenommen, jemand hätte Bite the Bride für 17 Euro kaufen wollen, entscheidet sich nun aber für die 4,99-Euro-Sonderausgabe. Dann könnte tatsächlich ein regulärer Verkauf ersetzt worden sein. Auf der anderen Seite gibt es die Leute, die das Buch für 17 Euro nie gekauft hätten (*pfeif*), die es aber für 4,99 Euro spontan mitnehmen. Dann gibt es einen zusätzlichen Verkauf.
Und vielleicht entdeckt diese Person dadurch eine Autorin, deren nächstes Buch sie anschließend regulär kauft.
Was bei dieser COVE-Aktion überwiegen wird, weiß ich nicht. Dafür bräuchte man Verkaufsdaten, Informationen über die Zielgruppen und idealerweise Erkenntnisse darüber, wie sich die Aktion auf andere Ausgaben auswirkt. Dennoch ist es ein ziemlich interessanter Gedanke.
Als Hybridautorin kenne ich sowohl das Selfpublishing als auch die Veröffentlichung über einen Verlag. Gerade bei der Produktion von Farbschnittausgaben sind die Unterschiede deutlich: Wer kleinere Auflagen selbst finanziert oder Print-on-Demand nutzt, kann ein umfangreiches Taschenbuch mit Farbschnitt kaum zu einem Preis von 4,99 Euro anbieten. Dafür fehlen in der Regel die entsprechenden Stückzahlen und Vertriebsstrukturen.
Was ich an der Aldi-Aktion besonders interessant finde, ist deshalb weniger der günstige Preis als die mögliche Reichweite. Ich beschäftige mich schließlich nicht ohne Grund mit High Concepts, Klappentexten und Buchmarketing. Ich möchte verstehen, wie Bücher ihre Leser finden und natürlich selbst mehr Menschen mit meinen Geschichten erreichen.
Falls Aldi mir irgendwann ein paar Kruschkisten anbieten möchte, bin ich für Gespräche offen ;D
Eine zusätzliche Pointe ist das Timing. Die Frankfurter Buchmesse fand in diesem Jahr vom 7. bis 11. Oktober statt. Bücher sind quasi omnipräsent gewesen. Nur wenige Tage später stehen Farbschnittbücher für 4,99 Euro bei Aldi im Regal. Das muss selbstverständlich nichts miteinander zu tun haben, aber ich finde die zeitliche Nähe schon bemerkenswert.
Ich bin zwiegespalten. Schon bei Der neunte Arm des Oktopus fand ich den Vertrieb über Rossmann einen ziemlich cleveren Schachzug. Bücher dort anzubieten, wo Menschen ohnehin einkaufen, kann neue Leser:innen erreichen. Gleichzeitig frage ich mich, ob Sonderausgaben für 4,99 Euro langfristig die Erwartungen an Buchpreise verändern, gerade wenn kleinere Verlage und Selfpublisher solche Preise kaum anbieten können.
Mein anfänglicher Verdacht der Verramschung hat sich jedenfalls nicht bestätigt: Die Aldi-Bücher sind anders ausgestattete Sonderausgaben mit eigener ISBN. Was wirtschaftlich dahintersteckt und ob die Aktion eher zusätzliche Verkäufe bringt oder reguläre Buchkäufe ersetzt, bleibt offen. Als Autorin finde ich solche Vertriebsmodelle spannend, auch wenn ich ihre möglichen Folgen durchaus kritisch sehe.
Bei Aldi werde ich weiterhin einkaufen. Ob Bücher unbedingt ins Supermarktregal gehören, weiß ich allerdings immer noch nicht ;D
Jetzt interessiert mich eure Meinung: Ist ein Roman mit Farbschnitt für 4,99 Euro ein genialer Weg zu neuen Leser:innen oder macht so ein Preis langfristig mehr kaputt, als er bringt? Und ganz ehrlich: Würdet ihr beim Discounter zugreifen, obwohl ihr für dasselbe Buch auch 17 Euro bezahlt hättet? Oder seid ihr Team Sparfuxx? Schreibt es mir gern in die Kommentare; gerade die Perspektiven von Leser:innen, Buchhändler:innen und anderen Autor:innen würden mich interessieren!
Viele Grüße
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